Erlebnisbericht

Immer fehlte ein Großvater! Jeder Mensch hat davon 2; ich kannte nur einen! Gewiss, es gab Daten: Geburt, Tod, Wohnort - viel zu dürr, als dass die Phantasie ein Bild malen könnte. Und das Herz will nun mal ein Bild. Aber dann - ich war längst selbst Großmutter - schenkten mir Kinder und Enkel eine Reise, das Datengerüst mit Bildern zu beleben. Wir fuhren nach Görlitz, um von dort unsere Tagestour zu unternehmen. Dann standen wir an einem sonnigen Vormittag auf einer Breslauer Straße, die Gehsteige rissig, doch die Bäume am Straßenrand sehr alt und ausladend. Hier musste Großvater gegangen sein wenn er zu Arbeit ging und wenn er heimkam; diesen Weg hatte mein Vater also unzählige Male genommen, unter dem Schatten oder dem Schnee der jetzt alten Bäume. Weiter führte unsere Fahrt nach Norden, zu unserem eigentlichen Reiseziel, dorthin wo der Großvater als Kind daheim war. Ein Ort mit kaum aussprechbarem Namen. Da war einmal die Grenze zwischen Preußen und Polen, und der Urgroßvater war Waldhüter. Ein kleiner Ort mitten im Wald, ein Schild wies zu einem sehr alten Friedhof. Nur war der kaum zu finden. 2x blieb das Auto fast stecken auf zerfurchten Waldwegen mit Wasserrinnsalen, ehe wir ihn doch auf einer Anhöhe unter Gestrüpp und alten Bäumen entdeckten. Hier also muss er liegen, ganz nah unter den Bäumen, die er im Leben „gehütet“ hat. Der „Gewinn“ der Reise? Sie sind mir jetzt näher, der Groß- und der Urgroßvater. Das Herz hat sein „Bild“. Ich bin ein Stück Ihrer Wege gegangen, ich ahne, wie Sonne und Wind auf diesen Wegen geschmeckt haben, wie Freude, Sehnsucht und Traurigkeit sie begleitet haben. Sie haben ein „Gesicht“ auch ohne Foto. Es ist gut zu wissen, in ihren Spuren zu gehen.

 

Helga A. Vertriebene aus Breslau

Eindrücke

 
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